Qualifikation und Perspektive in der Wissenschaft

Resolution des 62. DHV-Tages

Die Faszination, die selbstbestimmtes Forschen und Lehren auf junge Menschen ausübt, ist ungebrochen. Diejenigen, die sich auf den langen und entbehrungsreichen Weg zur Professor begeben, zeichnen außerordentliche Leistungsbereitschaft und eine überdurchschnittliche Motivation aus. Außertarifliche Arbeitszeiten, kurze Zeitverträge, lange Wartezeiten und ebenso unsichere wie spärliche Finanzen - mitunter prekäre Lebensverhältnisse - nehmen sie in Kauf. Der Deutsche Hochschulverband (DHV) warnt davor, dass dieser Mechanismus in Zukunft nicht mehr funktionieren wird. Die Wissenschaft verliert zunehmend wissenschaftliche Talente an außerwissenschaftliche Lebens- und Arbeitsbereiche, weil jungen Wissenschaftlerinnen u. Wissenschaftlern die "Wissenschaft als Beruf" unattraktiv erscheint.

Die Chancen, in Deutschland auf eine Lebenszeitprofessur berufen zu werden, sind in vielen Fächern schlecht. Mit den Studierendenzahlen, die fortwährend Rekordmarken erklimmen, hält die Zahl der Professuren an Universitäten in Deutschland nicht Schritt. Über die letzten fünfzehn Jahre hinweg gesehen stagniert sie bei 25.000. Von drei Habilitanden - von Juniorprofessoren gibt es bislang keine Verbleibs- und Karriereverlaufsstudien - erreicht nur einer eine Universitätsprofessur. Allein in Berlin gibt es über 2.000 zumeist unbezahlte Lehrbeauftragte, die die formale Qualifikation zur Professur haben.

Es steht zu zudem befürchten, dass das Wissenschaftssystem in Deutschland durch gezielte Programme, wie z. B. die Exzellenzinitiative, immer mehr qualifizierte Nachwuchswissenschaftler generiert, die durch einen immer enger werdenden Flaschenhals zur Professur gelangen wollen. Dies ist nicht nur ein soziales und gesellschaftliches, sondern vor allem ein wissenschaftspolitisches Kernproblem. Es wird sich weder durch großzügige Entfristungen noch durch eine Verstetigung akademischer Mittelbaustellen beheben lassen. Vielmehr bedarf es einer grundlegenden Reform des Qualifikationsweges zur Professur, die einen besseren Ausgleich zwischen den berechtigten Interessen des wissenschaftlichen Nachwuchses an attraktiven Karrierewegen und dem Interesse des Gesamtwissenschaftssystems an einer möglichst großen Auswahl unter formal Höchst- und Gleichqualifizierten findet.

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) schlägt zur zukünftigen Gestaltung von Personalkategorien in den Universitäten im Einzelnen Folgendes vor:

1) Kein akademisches Lehrproletariat, sondern zusätzliche Professuren

Eine sich ständig aus Forschung speisende universitäre Lehre können nur Universitätsprofessoren gewährleisten, die qua Amt zu in etwa gleichen Teilen forschen und lehren. Auch wenn die Versuchung in Zeiten der Finanzkrise noch so groß ist, können neu geschaffene Personalkategorien mit schlechter Bezahlung und erheblichem Lehrdeputat keine Universitätsprofessur ersetzen.

Mit "billigen Lehrknechten" lässt sich eine "Bildungsrepublik" nicht errichten. An zusätzlichen Universitätsprofessuren führt kein Weg vorbei. Der DHV fordert die Verantwortlichen in Bund und Ländern auf, die notwendigen Haushaltsprioritäten zugunsten von mehr Professuren zu setzen, damit die Hochschulen den Studierendenandrang ohne Qualitätseinbußen in Forschung und Lehre bewältigen können. Allein um die ungünstige Relation von 60 Studierenden pro Universitätsprofessor zu halten, müssten umgehend bis zu 7.000 zusätzliche Universitätsprofessuren bereitgestellt werden.

Das Personalreservoir ist vorhanden: Durch die Exzellenzinitiative sind Tausende von zusätzlichen jungen Wissenschaftlern ausgebildet worden, die zurzeit bestenfalls auf befristeten Stellen sitzen. Zudem steht mit jenen, die oftmals in den Universitäten ein Nischendasein mit unterbezahlten oder auch unbezahlten Lehraufträgen fristen, aber einen erheblichen Teil des Lehrprogramms schultern, ein weiterer Pool an Talenten zur Verfügung. Mehr Professuren kämen nicht nur dem wissenschaftlichen Nachwuchs, sondern vor allem den Studierenden zugute, die sich im globalen Wettbewerb um Arbeitsplätze mit einer wissenschaftlich fundierten (Aus-)Bildung profilieren wollen. Um dem formulierten Ziel näher zu kommen, fordert der DHV, das in den 80iger Jahren mit Erfolg praktizierte Modell der vorgezogenen Berufung zu revitalisieren.

2) "Tenure track"-Stellen als Mittel der Exzellenzförderung

Um die besten Nachwuchswissenschaftler für den Hochschullehrerberuf zu gewinnen, müssen Deutschlands Universitäten über wirkungsvolle Instrumente der Personalgewinnung und –bindung verfügen. Wenn ausländische Universitäten im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe den "Tenure Track" (die Zusage auf eine Lebenszeitprofessur nach einer positiv evaluierten Bewährungszeit) anbieten, müssen deutsche Universitäten aus kompetitiven Gründen gleichziehen können.

Allerdings sollte es keinen Automatismus geben. Nicht jede Nachwuchsstelle darf mit einer "Tenure track"-Option ausgeschrieben und vergeben werden. "Tenure track" ist nach Auffassung des DHV ein Mittel der Exzellenzförderung, über dessen Einsatz die Fakultäten autonom entscheiden müssen.

Der "Tenure track" sollte nicht nur Juniorprofessuren vorbehalten bleiben. Er muss auch Habilitanden und Nachwuchsgruppenleitern offenstehen. Der Wettbewerb zwischen den gleichberechtigten Qualifikationswegen zur Professur setzt Chancengleichheit unter ihnen voraus

3) Mehr Eigenständigkeit und Unabhängigkeit für den Nachwuchs

Nachwuchswissenschaftler fordern zu Recht Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Die Personalkategorien "Juniorprofessor" und "Leiter einer Nachwuchsgruppe" sind auch aufgrund der frühzeitig eingeräumten Selbständigkeit für Nachwuchswissenschaftler attraktiv. Dieser leistungsfördernde Vorteil ist auf andere Qualifizierungsstellen zu übertragen, indem deutlicher zwischen Qualifizierungs- und wissenschaftlichen Dienstleistungsaufgaben differenziert wird. Der Deutsche Hochschulverband appelliert an Hochschullehrer und Fakultäten, wissenschaftlichen Mitarbeitern ausreichend Zeit zur Eigenqualifikation und für selbständige Lehrerfahrungen zu gewähren. Der DHV fordert die Länder dazu auf, in den Hochschulgesetzen entsprechende personal- und dienstrechtliche Klarstellungen vorzunehmen.(1)

Hannover, den 20. März 2012


(1) Vgl. dazu  die Resolution des 61. DHV-Tags vom 12. April 2011 in Potsdam "Mehr Engagement für den wissenschaftlichen Nachwuchs"; www.hochschulverband.de/cms1/878.html.

 

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