Industriepromotionen: DHV fordert Einhaltung der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis

18.02.16

Kempen: "Universität ist allein verantwortlicher Träger des Promotionsverfahrens"

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) hat Regeln guter wissenschaftlicher Praxis bei sogenannten Industriepromotionen vorgelegt. Sie sind das Ergebnis einer Arbeitsgruppe von hochrangigen universitären Vertretern vornehmlich der Ingenieurwissenschaft und der Rechtswissenschaft. Die Unterzeichner wollen auf Fehlentwicklungen bei der sogenannten Industriepromotion aufmerksam machen. 

In MINT-Fächern schreiben zumeist international tätige Firmen "Doktorandenprogramme" aus, mit denen qualifizierten Masterabsolventen Stellen im Unternehmen, in der Regel mit einer Laufzeit von drei Jahren, zur Verfügung und eine Anschlussbeschäftigung in Aussicht gestellt werden. Universitäten und Professoren sollen dabei häufig ein firmenintern festgelegtes Promotionsthema akzeptieren und eine akademische Betreuung gewährleisten. Teilweise wird diese Erwartung durch Drittmittelaufträge oder Beratungsverträge mit dem jeweils betreuenden Lehrstuhl oder der Hochschule untermauert. Die prüfungsrechtliche Selbstverständlichkeit, dass Daten und Quellen einer Dissertation offengelegt werden und für den Prüfer nachvollziehbar sein müssen, wird sehr häufig mit Geheimhaltungsklauseln ausgeschlossen. Hiergegen verwahrt sich der DHV. "Die Universität ist kein mittelbar finanzierter Zulieferer des MINT-Arbeitsmarktes. Sie ist allein verantwortlicher Träger des Promotionsverfahrens und will von ihrem Partner als solcher wahrgenommen und gewürdigt werden", erklärte DHV-Präsident Professor Dr. Bernhard Kempen. 

Vor diesem Hintergrund müsse die Einschreibung als Doktorand und die Eröffnung des Promotionsverfahrens rechtlich und faktisch ausschließlich in der Hand der Universität liegen. Wenn ein industrieller Partner Interesse an der qualifizierten Bearbeitung von Themen habe, müsse er diese zunächst und ausschließlich der Universität vorschlagen. Dass im Rahmen von firmeninternen Promotionsprogrammen Themen bereits vergeben würden und der Doktorand sich seinen Betreuer suchen müsse, sei inakzeptabel. Ebenso widerspreche es den Gesetzen der Wissenschaft, dass mit Qualifikationsarbeiten Geheimhaltungsklauseln oder lange Sperrklauseln verbunden würden und sich diese dadurch der Nachprüfbarkeit entzögen. Werde die Bearbeitung einer Industriepromotion innerhalb eines Unternehmens realisiert, sei darauf Wert zu legen, dass dem universitären Betreuer im Unternehmen ein wissenschaftlich qualifizierter Ansprechpartner benannt werde und zur Verfügung stehe. An der Betreuung und der Entscheidung über Qualifikationsleistungen im Rahmen von Industriepromotionen sollten zudem Honorarprofessoren, die für Firmen tätig seien oder waren, die ein Interesse an der Promotion und der durch die Promotion erbrachten Forschungsleistung hätten, nicht beteiligt werden. Werde die Betreuung von Promotionen im Rahmen einer schon bestehenden oder vereinbarten Drittmittelförderung abgewickelt, seien darüber hinaus Prüfungsverfahren und Drittmittelförderung inhaltlich, gedanklich und finanziell zu trennen. Hochschullehrer sollten deshalb im Falle der Verbindung von Promotionsvorhaben und Drittmittel alle entscheidungserheblichen Tatsachen der Hochschulleitung anzeigen und sich die Annahme etwaiger "Vorteile" genehmigen lassen.

Abschließend forderte Kempen alle Hochschullehrer dazu auf, "auch auf Kosten von Drittmittelverlusten auf die Zusammenarbeit mit solchen Firmen zu verzichten, die nicht bereit sind, die Grundregeln der Wissenschaft einzuhalten und anzuerkennen". 

Zum Papier "Die Industriepromotion. Die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis"


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